Datentaucher 2015, Teil 1: Jobsucher wollen nicht mehr suchen

 

Drowning

In 3 Wochen trifft sich die Personalmarketing-Welt wieder zu Potentialparks OTaC-Konferenz in Frankfurt. Diesmal sind wir bei PwC zu Gast. Ein ganzer Tag für Online-Trends und Case-Studies, gepaart mit einer Handvoll Glitter und Glamour bei den Preisverleihungen und viel Zeit für Gespräche bei Kaffee und Kuchen. Als Countdown tauche ich schon mal in die Daten, die Potentialparks Research-Team gesammelt und ausgewertet hat, und suche ein paar Perlen der Online-Trends: Was gibt es Neues 2015?

(Bei Interesse, in Frankfurt dabei zu sein, Klick hier, oder einfach kurze Email an mich: julian@potentialpark.com. Die Teilnahme ist kostenlos für Arbeitgeber.)

 

Jobsucher – Jobfinder

Potentialparks Research-Team hat in den weltweiten OTaC-Studien 17.626 Studenten und Absolventen nach ihrem Kommunikations-Verhalten befragt, draunter 1.153 in Deutschland, und 3.705 Online-Präsenzen von Arbeitgebern weltweit untersucht. Dabei wurde nachgefragt, wie es denn bei den heutigen Jobsuchern so mit dem Jobsuchen steht. Und herausgekommen ist: Das Wort „Jobsucher“ scheint ausgedient zu haben.

Suchen! Wer hat noch Lust zu suchen? Das ist ja sowas von 2000. Wir haben 2015. Da sucht man nicht. Da wird man gefunden.

Jobsuche in DE

Die Jobsuche fiel seit letztem Jahr von Rang 3 auf Rang 7 der wichtigsten Kriterien einer Karrierewebseite 2015

Der Trend geht auch bei der Frage nach unten, wo Bewerber hingehen, um “aktiv zu suchen” nach Arbeitgebern und Stellen, das gilt sowohl für die Karrierewebseite, als auch für Facebook, Xing, LinkedIn und andere Social-Media-Kanäle. Ebenso geben weniger Befragte Jobbörsen als Informations-Quelle an.

Gleichzeitig steigt die Bereitschaft, neue Wege des Bewerbens zu nutzen, etwa Bewerben über LinkedIn.

Das heißt: Das klassische Suchen auf Karrierewebseiten und Stellenbörsen, wie auch das klassische Bewerben, haben sich nicht abgeschafft, werden aber weniger populär. Und das hat ganz handfeste Gründe.

Wie die Welt schreibt, suchen die sogenannten Gypsys, verwöhnt wie sie sind, ja keinen „Job“, sondern eine Blumenwiese mit Regenbögen und Einhörnern: Eine Art verlängerte Freizeit mit Selbstverwirklichung, also die „perfekte Stelle“, die nahezu für sie gemacht wurde und für niemanden sonst. Dadrunter machen wir‘s nicht mehr.

Und nun der nächste Schock: Jobs suchen wollen sie auch nicht mehr.

Aaaah!! *Panik*

 

Ja ähm wie jetzt. Geht’s noch? Die Nackenhaare stellen sich auf (vorzugsweise die silberfarbenen, die auch den Rücken runter reichen, bei entsprechenden Experten-Exemplaren mit ohnehin schon gut angelernter Skepsis vor den unerhörten Erwartungen dieser verwöhnten GenY). Keine Jobsuche mehr??? Wie stellen sich das die Bewerber vor, wenn sie sich nicht bewerben? Dass verzweifelte Recruiter sämtliche Xing-Profile durchklicken und gern zu Hause mal vorbeikommen? Head Hunting aus dem Hörsaal weg? Apply by Selfie?

Nein. Wir können noch einmal tief durchatmen. Überhaupt wird die Internet-Trendanalyse dieses Jahr zur Atemübung, denn man muss wie immer zwischen Hype und Substanz bzw. Lärm und Signal, Zukunft und Gegenwart unterscheiden. Und dazu muss man erst mal unterscheiden: BEWERBEN auf Jobs tun sich Vertreter der befragten Spezies gern, auch ZEIT investieren sie gern, nur eben nicht in die JOBSUCHE, sondern in alles, was die CHANCEN ihrer Bewerbung wirklich erhöht. Was heißt das?

Ist die GenY faul?

Kurze Frage, kurze Antwort: Nein. Kann man so nicht sagen.

Jobsuche in DE2

Die Zeit, die Bewerber investieren, soll in einem gesunden Verhältnis stehen zu dem Ergebnis, das sie daraus erwarten können. Sie möchten Zeit investieren, um sich zu präsentieren und ihre Chancen zu erhöhen, nicht um Jobfilter zu bedienen. Sprich: Wenn ich mich 10 mal bewerbe, und dazu 10 Stellenbörsen bedienen, 100 Stellenanzeigen lesen und 10 Bewerbungs-Formulare ausfüllen muss, am Ende aber nur 5 mal eine Antwort bekomme und das erst nach einigen Wochen, dann frage ich mich natürlich, ob ich meine Zeit wirklich SINNVOLL investiert habe.

Denn wir kennen es ja selbst: Heutzutage wird gern alles auf Kosten-Nutzen-Verhältnis hin untersucht. Moderne Technologie und Internet-Kommunikation versprechen uns ja immer Effizienz. Zeitersparnis. Einfachheit. Sofortige Ergebnisse ohne Warten. Sie versprechen uns auch noch etwas: Passgenauigkeit. Eine Werbeanzeige auf Facebook zeigt bildgenau den Tennisschläger und die Sportschuhe, die ich mir gestern noch auf einer Shopping-Seite angesehen habe. Persönlicher geht kaum.

Erkenntnis 1 –> Algorithmen, soziale Filter und andere technische Feinheiten machen Nutzern im Internet das Leben einfacher und persönlicher, ob die Nutzer es nun wollen oder nicht. Das verändert ihre Erwartungen auch für die Jobsuche.

Was ist das Problem beim Jobsuchen?

Soweit das schöne neue Internet. Und wie verhält sich das bei der Jobsuche? Sei es auf der Karrierewebseite, auf Xing, einer Jobbörse oder in einer App? Da sind wir noch zwei bis drei Internet-Zeitalter hinterher. Meist sind Fingerfertigkeit und Geduld gefragt, um die richtigen Suchkriterien auszuwählen. Um daraufhin gern auch mal 117 Jobs zu finden. Also noch mal zurück, die Suchmaske neu laden, die Suche einschränken. Ergebnis: 0 Jobs. Also noch mal zurück, vielleicht wähl ich doch noch den Filter „Corporate Operations“ aus, auch wenn ich nicht weiß, was das heißt… Und so weiter.

SAP job search

Eine typische Ansicht: Beispiel SAP

Der Screenshot hier zeigt eine recht frisch gelaunchte Seite, in desem Fall SAP; und durchaus eine typische Ansicht für Bewerber. Also weder ein Best noch ein Worst Practice, sondern das, was der “Jobsucher” von heute gewohnt ist.

Da kommt bei den meisten Unternehmen das Durchforsten zahlreicher, oft in der Sprache von Dienstanweisungen geschriebenen Stellenanzeigen noch dazu.

Die Erkenntnisse

Erkenntnis 2 –> „Jobsuchen“ über Suchfunktionen und Stellenbörsen aller Art ist zeitaufwendig, und es ist wenig akkurat. Der Kosten-Nutzen-Faktor ist oft erstaunlich niedrig.

Insbesondere verglichen mit dem heutigen Erlebnis der personalisierten Internetnutzung: Je jünger und internetaffiner die Nutzer, desto mehr fällt das Bedienen von Suchmasken gegenüber dem schnellen, sozialen, personalisierten „Internet von heute“ ab.

Erkenntnis 3 –> „Jobsuchen“ erscheint Kandidaten nicht zeitgemäß.

Und somit wird es zum Problem für Unternehmen, bzw. zur Chance auf Vorsprung:

Erkenntnis 4 –> „Jobsuchen“ ist eine Schwachstelle der Candidate Experience. Und damit eine Chance auf Vorsprung für diejenigen Unternehmen, die das erkennen und für sich nutzen.

Egal ob man die GenY nun verwöhnt findet oder nicht, man riskiert, Bewerber zu verlieren, wenn die Stellensuche nicht kurzfristig bewerberfreundlicher gestaltet, und sich langfristig nicht auf ganz neue Wege des Stellen-Anbietens vorbereitet.

Erkenntnis 5 –> Arbeitgeber können ihre Stellenbörsen heute nicht einfach abstellen. Aber sie müssen sich heute schon Gedanken darüber machen, wie sie morgen begehrten und schwer erreichbaren Kandidaten die eine für sie passende Stelle zeigen können, die sie sonst nie finden werden.

Welche Alternativen und neuen Wege das sind, dazu in Kürze mehr auf diesem Blog, in unserem Frankfurt-Countdown, Teil 2! So viel kann ich schon verraten, Personalisierung und Matching werden dieses Jahr eine Rolle spielen, ebenso Talent Communities, Referrals, mobiles Bewerben und Vieles mehr, was die Treffer-Chancen von Recruitern und Bewerbern erhöht. Wir wollen wie immer etwas Licht ins Buzzword-Dickicht bringen und helfen, im Lärm die Signale zu erkennen, die wirklich einen Mehrwert für Recruiting und Employer Branding bieten.

 

Julian Ziesing, Berlin

Julian Ziesing, Berlin

Autor:

Julian Ziesing ist verantwortlich für die Studien-Entwicklung beim internationalen Marktforschungs-Institut Potentialpark und bloggt hier seine Meinung und Erfahrungen zur Candidate Experience.

julian@potentialpark.com
Connect with me on Xing and LinkedIn

 

 

 

 

Mehr zur OTaC-Konferenz in Frankfurt Klick hier, oder einfach kurze Email an mich: julian@potentialpark.com.

Studie: OTaC 2015 – Online  Talent Communication, Potentialpark. Befragung von 17.626 Studenten und Absolventen weltweit, draunter 1.153 in Deutschland, und 3.705 Online-Präsenzen von Arbeitgebern.

 

4 thoughts on “Datentaucher 2015, Teil 1: Jobsucher wollen nicht mehr suchen

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